Nachhaltiges Lernen auf der Streuobstwiese

 

VAIHINGER KREISZEITUNG

11. Oktober 2016

 

Syrische Flüchtlinge helfen gemeinsam mit dem Vaihinger AK Asyl bei der Apfelernte – Saftpressen in der Ensinger Kelter begeistert Groß und Klein

 

Erfolgreiches Lernen braucht kein Klassenzimmer, erfolgreiches nachhaltiges Lernen schon gar nicht und es kann richtig Freude und Spaß machen. Der Vaihinger AK Asyl zog in die freie Natur, konkret auf Gudrun Schreibers „Stückle“ bei Horrheim, um das auszuprobieren. Die Aufgabenstellung hieß: „Äpfelernten und Saft herstellen.“

Vaihingen/Horrheim (p). Zuerst galt es, das Transportproblem zu regeln – es ist nicht so einfach, wie es klingt, mehrere syrische Familien auf Privatfahrzeuge zu verteilen, das muss erst ausführlich diskutiert werden. Erster Lerneffekt: Kleine Kinder kommen selbst hinten nicht auf Mamas Schoß, auch in Kindersitzen herrscht Anschnallpflicht und es passen nicht mehr Personen in ein Fahrzeug, als Sitze mit Gurten vorhanden sind. Der Kofferraum und der Anhänger scheiden als Passagierabteil aus. Nächstes Problem: Es gibt Grenzen zwischen den Wiesen – auch wenn man sie nicht sieht – und der Baum dort gehört dem Nachbarn. Die völlig gelben Äpfel sind keine Äpfel sondern Quitten, schmecken überhaupt nicht und auch die gehören dem Nachbarn.

Vorsicht vor wurmstichigen Äpfeln und schweren Säcken

Dann kam die Erkenntnis, dass Äpfel nicht alle gleich aussehen, nicht bei den Discountern im Karton wachsen und Äpfel mit dunklen Flecken nicht weggeworfen werden müssen, sondern wunderbar schmecken, die schönen mit den kleinen Löchern aber mit Vorsicht zu genießen sind, weil wahrscheinlich Würmer drin sind. Bäume schütteln erleichtert die Arbeit enorm, aber nicht dann, wenn gerade Menschen darunter sind, um die schon heruntergefallenen Äpfel aufzusammeln und in die Säcke zu tun. Apropos Säcke: Offensichtlich ist es sinnvoll, die Säcke zuzubinden, bevor man sie zum Hänger trägt, denn wenn der Sack zu schwer wird und herunterfällt, hat man zwar etliche Lacher um sich rum, aber anschließend viel Arbeit.

Auch der Umgang mit dem Dackel will gelernt sein

Dann Lernerfolge aus der Abteilung „Fauna“: Ameisen, Wespen, Schnecken und anderes Getier sind nicht „iiiiihh bäähh“, sondern ein wunderbares Recyclingsystem. Der Erfolg ließ sich an verschiedensten Apfelverwertungsstadien feststellen (mit denen man dann auch noch auf den Nachbarn werfen kann). Sehr eindrücklich war die Erkenntnis, dass das wuselige Hundetier, ein Dackel namens Fridolin, nicht auf einen zugeschossen kam, weil es beißen, sondern spielen wollte. Für ihn waren nämlich die Äpfel schlicht Bälle, die es zu fangen und von den Kindern zu werfen galt. Wie nähert man sich einem Hund? Wie fasst man ihn an? Streichelt man ihn oder schiebt ihn weg? Aus Angst und Scheu wurde in kürzester Zeit Lachen und Zutrauen.

Ortswechsel: Kelter in Ensingen, Vermostung der Früchte. Wieso kommt hinten Saft raus, wenn man vorne Äpfel reinsteckt? Dieses Geschehen war nicht nur für die Kinder neu und höchst spannend. Wenn man die Säcke auf die Rutsche leert, rollen die Äpfel ins „Schwimmbad“. Klar, da werden sie gewaschen. Dass in der geheimnisvollen Anlage dahinter die Früchte geschreddert werden, konnte man sehen, als alles stehen blieb, weil es verstopft war. Dann wurde es geöffnet, Apfelstücke in Massen entfernt. Einige Syrer durchschauten das Funktionsprinzip nach wenigen Minuten und fassten ungefragt mit an, halfen sehr kompetent. Aber warum macht man das? Einige Kinder waren sehr neugierig, merkten, dass aus der großen Anlage Flüssigkeit tropfte, probierten sie und waren erstaunt, dass es Apfelsaft war.

Dann war auch klar, was da am Ende durch einen Schlauch in die Plastikschläuche abgefüllt und dann mit Hilfe der Kinder verpackt und auf den Hänger geladen wurde. Kinder waren in dem Fall selbstverständlich Flüchtlings- und deutsche Kinder, Kommunikationsprobleme waren unbekannt, alles war fröhlich und engagiert beschäftigt. Schwierig war nur die Erklärung, warum der Saft heiß ist. „Pasteurisieren“ ohne Dolmetscher, da versagen Hände und Füße als Übersetzer. Der Lohn, fünf Liter Apfelsaft im Kanister zu einem schon eher symbolischen Preis, war der krönende Abschluss – vor allem dann, als die echten Helfer von Gudrun Schreiber auch noch ihren Saft geschenkt bekamen. Dafür half man am Ende auch gerne beim Aufräumen. Denn auch das gehörte zum nachhaltigen Lernen. Wer sagt, dass Lernen langweilig sein muss? Und Handys wurden den ganzen Tag nur zum Fotografieren benutzt – na ja, mit Ausnahmen.

 

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